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Lesung mit Sepp Mall

Ein Roman der Abschiede

Zur Lesung von Sepp Mall aus seinem Roman „Ein Hund kam in die Küche“ für die 9. Jahrgangsstufe 

„Mama weg, sagte er, Mama weg, Mama fahren.“ Diese Sätze wiederholt der kleine Hanno jeden Abend und stellt sie seinem älteren Bruder. Und der 11-jährige Ludiantwortet ihm jeden Abend aufs Neue. „Wir alle fahren weg, sagte ich und wischte ihm den Speichel vom Kinn. Wir fahren alle zusammen. Mama und du und Vater und ich. Die ganze Familie. Du brauchst keine Angst zu haben.“ 

Die aufmerksamen Zuhörerinnen und Zuhörer aus allen 9. Klassen verstehen sehr schnell, dass „Ein Hund kam in die Küche“ kein Roman für Kinder ist und dass hier ein sehr gravierendes, ernstes Thema aus der Sicht eines kindlichen Ich-Erzählers erzählt wird. Es ist der geschichtliche Hintergrund der Zeit des Nationalsozialismus, der in diesem Roman unter einem ganz besonderen Blickwinkel aufgegriffen wird. Die Familie aus Südtirol lebt in dieser Zeit und folgt dem Aufruf der sog. „Option“, der Möglichkeit einer Auswanderung ins Deutsche Reich. Gründe, dieser Option zu folgen, gibt es viele: sei es die Chance, den ärmlichen Verhältnissen in der Heimat zu entkommen, sei es die Begeisterung für das NS-Regime oder die Kriegsbegeisterung des Vaters. Die Gründe mögen vielfältig sein, sie verdeutlichen aber vor allem, was es bedeutet, seine Heimat zurückzulassen und unter noch gravierenderenVorzeichen ein neues Leben zu beginnen. Mit Überzeugungskraft und Ernsthaftigkeit stellt Mall dies dar und vermittelt damit den Schülerinnen und Schülern Glaubwürdigkeit und Authentizität. 

Es sind die letzten Tage im Dorf, der Abschied und Aufbruch nach Innsbruck, die von dem kleinen Ludi, erzählt werden. Und es ist die Ankunft in Innsbruck, die unmittelbar dazu führt, dass die Eltern einen Brief erhalten, in dem sie aufgefordert werden, den kleinen, behinderten Bruder in eine Anstalt zu bringen. Das, was hier beschrieben wird, gehört zur schrecklichen und grausamen Realität der NS-Zeit. Im Verständnis der NS-Ideologie wurden als „lebensunwert“ bezeichnete Menschen mit einer geistigen, psychischen oder körperlichen Beeinträchtigung ermordet. Und dazu zählt auch der kleine Hanno. Es ging den Schülerinnen und Schülern unter die Haut, als Mall die Szene des Abschieds der Mutter von dem kleinen Sohn und jüngeren Bruder in der Anstalt vorlas. Sie werden ihren Sohn und jüngeren Bruder Hanno nie wiedersehen. Auch der Vater kehrt nicht mehr aus dem Krieg zurück.

Der Schriftsteller Sepp Mall, der selber aus Südtirol kommt, zieht die Schülerinnen und Schüler sofort in seinen Bann. Zwischen ausgewählten Stellen seines Romans, die er vorliest, schafft er durch Erzählen und Erklären Verbindungen und inhaltliche Brücken. Dies ist besonders wichtig für diejenigen, die den Roman nicht als Klassenlektüre lesen. 

Mall ist aber auch aufmerksamer Zuhörer, der intensiv auf die Fragen, die überwiegend aus dem Deutschunterricht einer Klasse, die sich für diesen Roman als Klassenlektüre entschieden hat, eingeht und über sein Schreiben, über die Rolle des Kindes im Roman und die Bedeutung und Motive überzeugend, bereitwillig und ehrlich Auskunft gibt. Als Grund für das Buch nennt Sepp Mall seine Südtiroler Herkunft. Dadurch hat er schon in jungen Jahren von der „großen Option“ für die Südtiroler gehört. Generell interessiert ihn, wie Einzelpersonen und vor allem Kinder große historische Geschehnisse und Veränderungen erleben.

Durch Recherchen in einem anderen Zusammenhang ist er auf das Schicksal von (schwer) behinderten Kindern in der NS- Zeit aufmerksam geworden. Gerade mit diesem Thema hat er aber versucht, sehr behutsam umzugehen. Er vermeidet bewusst entsprechende Fachbegriffe, wie z. B. „NS-Euthanasie“ – auch die „Option“ wird so im Roman nicht bezeichnet -, und Mall will auch in keinem Fall moralisieren. Entscheidend für ihn ist immer, wie eine konkrete Einzelperson, in diesem Fall Ludi, eine solch schwierige Zeit erlebt und ein ganz persönliches Schicksal meistert.Gerade diesen Aspekt wird Mall auch abschließend beantworten und damit auch betonen.

Über die Entstehung des Titels erfahren die Zuhörerinnen und Zuhörer, dass Sepp Mall Titel, die sehr offen formuliert sind und keine direkten Rückschlüsse auf den Inhalt des Buches zulassen, schätzt. In diesem Fall hat er sich an einem Endloslied aus seiner Kindheit orientiert, welches auch an einer Stelle des Buches angestimmt wird. Er fand den Titel auch deshalb passend, weil neben vielen anderen Tieren auch ein Hundemischling direkt im Buch vorkommt.

Eine wahre Familiengeschichte ist der Roman allerdings nicht. Wörtlich hat Sepp Mall gesagt, dass er sich natürlich an die historischen Tatsachen gehalten und hierzu gut recherchiert hat, dass man als Südtiroler diesem Thema immer begegnet, dass allerdings die Familiengeschichte an sich aber „erstunken und erlogen“ ist.

Auch auf die Dauer des Recherchierens und Verfassen des Romans geht Mall näher ein. Die Frage sei aber schwer zu beantworten, da er nicht durchgehend an dem Buch gearbeitet habe, sondern die Geschichte langsam gereift sei. Von der Idee zum fertigen Buch hat es wohl fünf Jahre gedauert, wobei er im letzten Jahr sehr intensiv an dem Buch gearbeitet habe.

Ihn stört, dass ihm der Verlag nach seinem Erfolg (der Roman wurde unter die 20 besten Bücher des Jahres 2023 aufgenommen) jetzt so sehr im Nacken sitzt, und er will auch die Frage, ob 2025 oder 2026 mit einem neuen Werkt zu rechnen ist, nicht beantworten. Natürlich habe er Ideen, aber seit Veröffentlichung des aktuellen Romans sei auch noch keine längere konzentrierte Arbeitsphase möglich gewesen.Er geht eigentlich davon aus, dass es vor 2027 nicht gelingen kann. 

Eine Schülerin stellt die zentrale Frage nach der Bedeutung des Hirschkadavers im ersten Teil des Buches. Auch darauf geht Mall sehr intensiv ein und verhilft damit den Leserinnen und Lesern zu einer fundierten Deutung ganz im Sinne eines gelungenen Literaturunterrichts und das aus erster Hand. Allgemein spielen Tiere im Buch eine wichtige Rolle. Der Hirschkadaver kann ganz für sich genommen betrachtet werden: Ein ehemals so majestätisches, großes Tier, von dem auch gerade in diesem Zustand noch eine besondere Faszination ausgeht.

Natürlich kann man den Zustand dieses Tieres aber auch als Vorzeichen und Vorausdeutung auf die weiteren Entwicklungen für die Familie verstehen: Ihre Auswanderung steht unter keinem guten Omen und leitet gleichsam einen Prozess des Verfalls ein.

Ursprünglich nicht oder weniger intendiert war die Deutung einer englischen Rezensentin, die im Verfall des Hirsches als gleichsam deutschem Wappentier den Verfall bzw. Untergang des Deutschen Reiches vorausgedeutet sieht. Auch diese Interpretation ist aber aus seiner Sicht zulässig und sogar sehr gelungen.

Die Frage nach seiner Lieblingsfigur beantwortet Mall sehr klug und einfühlsam. Er habe alle Personen seines Romans in der intensiven Auseinandersetzung mit ihnen sehr liebgewonnen. Wie eine Mutter die Frage, welches ihrer Kinder sie am liebsten hat, nicht beantworten wird, so kann auch er diese Fragen nicht oder zumindest nicht eindeutig beantworten. Natürlich sind Ludi und Hanno ihm als zentrale Figuren besonders ans Herz gewachsen, aber auch Ludis Vater – als durchaus nicht unumstrittene Figur – ist ihm vertraut geworden.

Auf die Frage, warum er sich für einen personalen Ich-Erzähler aus der Sicht des 11-jährigen Ludi entschieden habe, vertieft er erneut, wie sehr ihn interessiert habe, wie Kinder große und entscheidende historische Veränderungen und Entwicklungen erleben. Dies habe er versucht, in seinem Roman zu verdeutlichen. 

Es ist ein wahrer Glücksfall für die Jugendlichen so unglaublich tiefe und fundierte Einblicke in das Schreiben eines Autors, dessen Werk übrigens zu den 20 nominierten Büchern für den angesehenen deutschen Buchpreis 2023 zählt, zu erhalten. Die Begeisterung zeigte sich schließlich auch in den durchwegs positiven Kommentaren und dem langanhaltenden Applaus am Ende der Lesung. 

Barbara Ghai, Juni 24